Gemüse oder Fleisch?

Vom
besonderen
Moment
der
Entscheidung

Diesen besonderen Moment der Entscheidung für eine tierleidfreie Lebensweise thematisiere ich nicht, weil ich als Veganerin erleuchtet bin, sondern im Gegenteil, um ihn zu entmystifizieren. Vegane Lebensweise ist keine Religion.

Und ich lüge nicht, wenn ich behaupte, dass ich seit meinem besonderen Moment der Entscheidung, komplett vegan zu leben tatsächlich nie wieder Verlangen nach tierlichen Produkten gehabt habe. Nicht mal mehr nach Käse und das, obwohl ich den früher sehr liebte. Ein Gefühl von Verzicht ist mir in meiner veganen Zeit nicht begegnet. Stattdessen – gesäumt von ein paar geschmackstechnischen Fehlschlägen – reihenweise ungeahnte Gaumenfreuden bestehend aus neuen kulinarischen Erlebnissen und genial vegan nachgebauten alten Bekannten. 

Doch ganz so einfach bin ich doch nicht an diesem Punkt gelandet. Ehrlich gesagt dauerte es bei mir sogar weit mehr als 40 Jahre bis ich mich entschloss, nach einer längeren vegetarischen Phase, vegan zu leben. Genauer gesagt gab es also zwei besondere Momente der Entscheidung. Als der Groschen letztlich fiel war das aber jeweils fast akustisch wahrnehmbar. Und es resultierte nicht aus purem Wissenszugewinn sondern der Bereitschaft zu ehrlicher Selbstreflexion, das eigene Handeln einmal ganz zu ende zu denken.

Mein folgender persönlicher Bericht gibt mir die Gelegenheit, u. a. den Begriff „kognitive Dissonanz“ anhand eines praktischen Beispiels ausführlich zu beschreiben:

Essenstechnisch stamme ich aus einer traditionellen Familie. Fleisch war das Hauptnahrungsmittel meiner Kindheit bis zum jungen Erwachsensein. Ich mochte den Geschmack und wurde von Anbeginn in extremem Übermaß damit versorgt.

Die erste Tierdokumentation, die mich innerlich aus der Bahn warf – ein Fernsehbericht über einen Schlachthof – sah ich ca. 8 jährig. Dabei nahm ich erstmalig den fürchterlichen Todeskampf von Hühnern wahr und wollte ab sofort keine Tiere mehr essen. Meine Mutter hatte Verständnis, versorgte uns aber weiterhin mit Fleisch. Leider hielt ich der Verlockung nicht lange stand. 

Ab da lebte ich also in kognitiver Dissonanz, wohl wissend, dass etwas Furchtbares mit meiner Essenswahl einhergeht. Ich fühlte mich jedoch zu willensschwach und leckere Alternativen konnte ich in meinem kindlichen Horizont nicht ausmachen.
Diese Dissonanz wurde immer tragender, denn je älter ich wurde, desto mehr Informationen über die Torturen der „Nutztiere“ erreichten mich.

Mein Verdrängungsmechanismus funktionierte damals so: Ich redete mir ein, dass die Tiere ja bereits gestorben waren, wenn ich das Fleisch kaufte und außerdem würde ich als Einzelperson auf keinen Fall etwas am System ändern können, wenn ich alleine verzichtete. 

Für tierfreundlich hielt ich mich trotzdem, denn ich wollte ja nicht, dass es so war wie es war. In den 80ern wuchs währenddessen der Vegetarismus um mich herum an.

Vegetarierin wurde ich als ich mit einer guten Freundin essen ging. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass ich mich nicht über den fürchterlichen Umgang mit Tieren aufregen und zugleich ein Schnitzel essen könnte. Sie hatte recht. Es machte klick und war einfach, auf Fleisch zu verzichten. Anfang der 90er gab es schon passable Alternativen. 

Mit dieser Sinneswandlung fühlte ich mich tatsächlich lange Zeit gut. Wegen mir starben die Tiere nicht mehr, dachte ich. Auch auf Eier, Milch und Käse zu verzichten hielt ich nicht für notwendig, denn meinetwegen müssten die Milchkühe nicht geschlachtet werden und auch nicht die eierlegenden Hühner, redete ich mir ein. Ausgerechnet auf leckeren Käse zu verzichten, würde erheblich mehr von mir abverlangen. Ich würde das Gefühl von Verzicht sicherlich nicht lange durchhalten.

Mein besonderer Moment, der mich bewegte, vegan zu leben, ereignete sich viele Jahre später am Tag des Animal Rights Marchs 2017 in Berlin. 

Auf dem Weg dorthin begegneten mir Menschen mit gleichem Ziel. Wir sprachen über unsere Plakate. Mein Spruch lautete: „Artgerecht ist nur die Freiheit“. Sie erzählten viel Interessantes zum Thema und dann traf mich die Frage, seit wann ich vegan lebte wie ein Faustschlag. 

Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet und stammelte irgendwas. Einer sagte dann, dass er 30 Jahre mit gutem Gewissen vegetarisch gelebt hätte bis ihm die Erkenntnis gekommen war, dass auch Milchkühe entsetzlich litten und männliche Tiere in Zuchtbetrieben meist zum frühen Tod verurteilt seien. Dass eine wirklich tierfreundliche Ernährung nur vegan sein könne.

Mein Verdrängungsmechanismus war dahin. Den restlichen Animal Rights March verbrachte ich in aufgewühlter Zwiesprache mit mir selbst

Ich hatte Ehrfurcht vor dieser Entscheidung und Bedenken wegen der möglicherweise schwierigen Umsetzbarkeit. Es war auch ein teils trauriger Prozess, denn ich verabschiedete mich nicht etwa von der Vorstellung, kein Käse mehr essen zu können, sondern von dem Teil meiner Persönlichkeit, der Käse liebte. 

In diesem etwas längeren Moment absoluter Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass es kein Zurück mehr geben kann. Sie wuchs während dieses Marschs zu einer festen Überzeugung. Am Ende stand mein Entschluss fest:

Ich will nicht mitmachen in diesem kranken, brutalen System. Ich möchte nicht, dass in meinem Namen Tiere gequält und getötet werden, Menschen unter entsetzlichen Arbeitsbedingungen schrecklichste Arbeitsschritte ausführen müssen. Und ich weigere mich, grauenhafte Praktiken für selbstverständlich zu halten. Ab jetzt war ich Veganerin und diese Entscheidung eine der bisher für mich wichtigsten.

Natürlich erlebt jede aus ethischen Gründen vegan lebende Person ihren ganz eigenen besonderen Moment der Entscheidung – früher oder später im Leben. 
Manchmal braucht Bewusstwerdung Zeit. 

Von außen lässt sich dieser Prozess weder forcieren noch erzwingen. Es ist eine zutiefst persönliche Entscheidung für ein Bewusstsein, das effektiv Tiere befreien hilft. 

Und wenn ich vegan lebe, statt Tiere zu nutzen bin ich dann ein besserer Mensch? In den Augen der Tiere: Ja!

 

Möglicherweise hilft dir dieser Bericht, sofern du es vegan probieren möchtest, dich selbst in der einen oder anderen Schilderung zu entdecken. Im Nachhinein betrachtet benötigte ich als grundsätzlich empathiefähiger Mensch, für den ich mich halte, für diese Entscheidung offenbar Informationen über die grausame Realität, den Zugang zu Ersatzprodukten, freundschaftliche Hinweise, vor allem aber die Gelegenheit in passendem Kontext eine recht lange Zeit unausweichlich mit mir selbst zu argumentieren und durch sämtliche Emotionen zu gehen, die dabei auftauchen. Es war diese Auseinandersetzung, die mir meine eigene Verantwortlichkeit letztlich klar vor Augen und mich nachhaltig zu dieser Entscheidung führte. 

Sicher ist daraus kein Automatismus abzuleiten. Jeder Mensch wird etwas andere Wege für seine Entscheidungsfindung haben oder benötigen. Das hier soll kein Imperativ sein. Es ist dein Recht, dich auch ganz anders zu entscheiden. Trotzdem lade ich dich gerne ein, mit dir selbst ins Gespräch zu kommen, denn offensichtlich kommt es bei dieser Bewusstwerdung / Erkenntnis vor allem darauf an.

Bemerkt habe ich dann jedenfalls sehr schnell, dass vegan zu leben weder extrem, von Verzicht geprägt noch schwer umzusetzen ist – zumindest hierzulande. Schön für die Tiere ist natürlich, wenn immer mehr Menschen zu dieser Erkenntnis gelangen. Ein Trend zum Verzicht auf Fleisch oder zumindest Fleischkonsum-Reduzierung ist besonders in den jüngeren Generationen zu beobachten – vermutlich vor allem aus Klimaschutzmotiven. Wird das alleine aber ausreichen, um eine Befreiung der Tiere aus ihrer jetzigen Situation zu bewirken?

Was brauchen wir noch, um uns in eine tier- und umweltfreundliche Gesellschaft zu verwandeln?

>> Den Wandel denken – was sich ändern kann und sollte

>> Unterstützenswerte Projekte

Du möchtest wissen, worauf du bei veganer Ernährung unbedingt achten musst?

>> vegan leben

>> Ist vegan gesund?

Brian Luke Zitat aus Friederike Schmitts Buch „Tierethik“: 

„… Es sind die tiernutzenden Industrien, die mit verschiedensten Strategien dafür sorgen, dass wir alle möglichst kein Mitleid mit den gequälten Tieren haben. Die richtige Tierethik sollte daher nicht versuchen, uns zu kontrollieren, sondern uns dazu verhelfen, unsere Gefühle – vor allem unser Mitleid mit Tieren – ernst zu nehmen und so Handlungsfähigkeit zu gewinnen. …

Instagram Post von queerbrownvegan:
„Jane Goodall – Week NYC last week“