Den
Wandel
denken
-
was
sich
ändern
kann
Was grundsätzlich alles passieren würde, wenn wir deutschlandweit keine tierlichen Produkte mehr konsumierten hat u. a. die NGO PETA in einem white paper zusammengestellt, dessen Inhalt in einem Artikel auf nationalgeographic.de veröffentlicht wurde, s. u. / Empfehlungen. Hierin ist u. a. zu lesen, dass beim Wegfall tierlicher Produkte ein Großteil der bisher für Futtermittelanbau genutzten Flächen frei würde und stattdessen auch für Renaturierungesprojekte genutzt werden könnte. Jährlich könnten so mindestens 113 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent eingespart werden. Zum einen könnten Moore wiedervernässt werden und zusammen mit einer Aufforstung zusätzliches CO2 binden. Insgesamt läge das Potenzial zur Emissionsvermeidung und -bindung bei über 200 Mio. Tonnen jährlich und wäre damit ein klimapolitischer Hebel von erheblichem Ausmaß, heißt es u. a. in dem sehr lesenswerten Artikel weiter.
Davon was nachhaltige Ernährung ist, wie sinnvolle Ernährungspolitik aussehen und wie eine gerechte gesellschaftliche Transformation gelingen kann handelt das Buch „Anders satt“ von Friederike Schmitz, s. u. Empfehlungen. Sie befasst sich mit alternativen Proteinen, sozialen Normen und begibt sich auf die Suche nach einer großen neuen Erzählung. Sie ermutigt zu kleinen Schritten, selbst wirksam zu werden – auch aktiv in Parteien, hebt die Rolle der NGOs und die Kraft des zivilen Widerstands hervor, befürwortet bäuerliche Perspektiven mit einzubeziehen und Bewegungen zu verbinden. Ein extrem lehrreiches, informatives und wichtiges Buch, das ich sehr empfehlen möchte.
Der Verein Faba Konzepte e. V. bietet u. a. Workshops zur Ernährungswende, unterstützt den Aufbau von nachhaltigen Quartierskantinen für alle und erarbeitet Konzepte, landwirtschaftliche Betriebe beim Umstieg von der Tierhaltung auf pflanzenbasierte Geschäftsmodelle zu unterstützen. Als transformative Maßnahmen werden Umstiegsprogramme für Tierhalter*innen, umfassende Umschichtung von Subventionen, Bildung und Unterstützung dezentraler, möglichst solidarischer Strukturen für Erzeugung, Verarbeitung, Handel und Konsum genannt. Auch das Projekt „TransFARMation“ des Vereins Menschen für Tierrechte berät und begleitet Landwirt*innen beim Ausstieg aus der Tierhaltung.
Zwei sehr wichtige Perspektiven sind bei einer solchen gesellschaftlichen Transformation zu berücksichtigen. Von diesen erzählen die folgenden zwei Bücher, die ich abschließend mit Nachdruck empfehlen möchte:
Die biodiverse Gesellschaft – Rettet die Vielfalt
Neben einem lebensfreundlichen Klima ist auch Biodiversität die Voraussetzung für unsere menschliche Existenz. Besonders blind, sozusagen apokalypseblind, scheinen wir für den exzessiven Verlust der Artenvielfalt zu sein. Mit unseren ungezügelten Konsum- und Wohlstandsgesellschaften zerstören wir gedanken- und schrankenlos lebenswichtige Ökosysteme. Biodiversität zu fördern ist also keine Utopie, keine überflüssige Vorstellung eines romantischen Idylls oder noch so ein „wokes“ Wort, sondern unersetzliche Voraussetzung für unser Fortbestehen.
Das Buch „Rettet die Vielfalt – Manifest für eine biodiverse Gesellschaft“, s. u., liefert konstruktive Kritik, notwendige Perspektivwechsel, das Konzept konvivialer Nachhaltigkeit – sogar konkrete Vorschläge für sinnvolle Gesetzestextänderungen (in meine Utopie habe ich eine solche Änderung des Artikels 20 a, Grundgesetz eingebaut) – und eine Blaupause für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Spätestens seit dieser Lektüre bin ich überzeugt, dass die Natur einen rechtlichen Status auf Augenhöhe benötigt, um überhaupt wahrgenommen, vertreten und endlich adäquat geschützt werden zu können. Neben Gesetzesänderungen erforderte ein biodiverser Gesellschaftsvertrag zudem ganz neue Ansätze nachhaltigen Denkens.
Das Schutzgut konvivialer Nachhaltigkeit – so die Autoren – wäre die gemeinsame Entfaltung aller Arten (einschließlich der Menschen) auf einem geteilten Planeten. Der Zweck der Nachhaltigkeit bestünde in der Gewährleistung der Zukunftsfähigkeit.
Demnach müssten wir, um die Naturen (und damit auch uns selbst) zu retten zwangsläufig unsere gewohnte rein anthropozentrische Sichtweise aufgeben. Die Autoren verstehen die biodiverse Gesellschaft als eine, in der Klugheit, Gerechtigkeit und ein gutes Leben für den Menschen und alle Mitlebewesen eine konstitutive Rolle spielen.
Auch ist nachzulesen, welche komplexen Maßnahmen es auf unterschiedlichsten Ebenen, z. B. der kommunalen, erforderte, welche Schutzmaßnahmen bereits existieren und unbedingt weiter ausgebaut werden müssen. Dieses Buch vermittelt wertvolle Denk- und Handlungsoptionen, auf den Punkt gebracht und leicht verständlich – eines der gefühlt wichtigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. In den „Tierfreundlichen Szenarien“ habe ich einige Ideen aufgegriffen.
Nun könnte man denken, dass eine auf Biodiversität fokussierte Gesellschaft zwangsläufig zur Beendigung der Tierausbeutung führt. Schließlich gehört zu nachhaltiger Bewirtschaftung eine erhebliche Reduktion der Tierbestände, die Vermeidung von Monokulturen, der Ausbau des Biolandbaus, ein Verbot von Pestiziden ebenso wie u. a. in Deutschland ein Wandel zu einem pflanzenbasierten Ernährungssystem. Doch wird sich höchstwahrscheinlich nicht viel für die Tiere verbessern, wenn wir ihnen weiterhin grundlegende Rechte versagen.
Tiere sind fühlende Wesen – sie brauchen mehr Rechte
Bernd Ladwig begründet Tierrechte in seinem Buch „Politische Philosophie der Tierrechte“ insofern analog zu Menschenrechten, dass er sagt, dass Lebewesen, die eigene Interessen haben, z. B. an Wohlbefinden und Existenz, einen Anspruch auf moralische und rechtliche Berücksichtigung haben sollten. Der moralische Status hinge dabei nicht von menschlichen Fähigkeiten ab, sondern von der Fähigkeit zu leiden oder Freude zu empfinden.
Die Verrechnung von Interessen lehnt er ab. Trivialere Interessen der Mehrheit könnten niemals grundlegende Interessen, wie Unversehrtheit oder Leben einer Minderheit – auch nicht von Tieren – aufwiegen. Vieles was wir Tieren antun sei institutionalisiertes Unrecht. Die auf menschlicher Vorherrschaft basierende Nutztierhaltung sei moralisch unzulässig. Tiere müssten als politische Mitglieder betrachtet werden, deren Wohl gesetzlich garantiert und notfalls durch rechtliche Vertretung verteidigt werden müsse.
Wir Menschen hätten dabei nicht nur Verantwortung, indem wir konsumieren, sondern auch als Wesen mit einer politischen Stimme. Eine entscheidende Veränderung hinge also von einem kollektiv gesetzlichen und keinem nur ideologischen, individuellen Wandel ab. Dabei sei Tierpolitik ausschließlich Menschensache (anders als in „Zoopolis“ gedacht), denn nur Menschen trügen aufgrund ihrer Fähigkeit, reflektieren zu können die politische Verantwortung gegenüber Tieren.
In einer idealen gerechten, speziesgemischten Gesellschaft müssten leidensfähige Wesen also das Recht haben, nicht unter anderen Wesen leiden zu müssen. Sie würden respektiert werden und ihre Interessen Berücksichtigung finden.
Die Tiere, mit denen wir in einer solchen Gesellschaft zusammenlebten, benötigten das Recht, unter Beachtung ihrer Interessen in einem Areal zu leben, das ihren Bedürfnissen entspricht. Es müsste klar geregelt sein, wer die Sorge für sie trägt, wer ihre Interessen vor dem Gesetz vertritt (Tieranwälte, Tierschutzbeauftragte auf allen Ebenen, Verbandsklagerecht etc.) und welche politische Gesellschaft die letzte Verantwortung dafür trägt, dass die Tierhaltung für die Tiere akzeptabel bleibt.
Wir könnten uns gesellschaftlich darauf einigen, domestizierte Tiere als Mitglieder in unser Gemeinwohl aufzunehmen. Bernd Ladwig denkt dabei an Tiere (domestizierte Tierarten), die ohne uns in der Natur kaum überleben würden oder zumindest ein weniger gutes Leben hätten, also z. B. Kühe, Schafe, Schweine, Hühner, Hunde etc. (Wildtiere sind hier nicht gemeint). In seinem Buch denkt er bspw. über eine obligatorische Krankenversicherung für Schweine und Rentenversicherung für Blindenhunde nach.
Was zunächst vielleicht erstmal utopisch erscheinen mag, wirkt bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so unrealistisch. Schließlich handelte es sich um wesentlich weniger Tiere als heute, die einfach mehr Rechte hätten. Es geht Bernd Ladwig offensichtlich um realisierbare Vorstellungen. So heißt es auf dem Buchrücken: „Wir sollten für die Rechte und den Mitgliedschaftsstatus von Tieren in einer Form und mit Inhalten streiten, die ernsthaft nachdenkenden Mitbürgern weder respektlos noch sektiererisch vorkommen.“
Ein großes Unrecht sei heute die Opferung und moralisch erhebliche Missachtung der Interessen von Tieren zu vergleichsweise trivialen Zwecken. Da es inzwischen zahlreiche Alternativen und besseren Ersatz für alle möglichen tierlichen Produkte gibt, fügten wir Tieren also immer wieder ohne wichtigen Grund erheblichen Schaden zu.
Was wir tun können
ist uns bewusst zu entscheiden, dieses Grauen zu beenden. Realität werden könnte ein Wandel im Umgang mit Tieren vermutlich schneller, wenn der Bevölkerung beim Kauf tierlicher Produkte deutlich sichtbar werden kann, was in ihrem Namen an Leid geschieht. Ich spreche mich daher unbedingt für verpflichtende Transparenz in allen tierschutzrelevanten Bereichen von Zuchtanlagen, Schlachthöfen und Tiertransportern aus. Denn nur so werden Fleischkäufer*innen in die Lage versetzt, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Was hinter den Mauern an Brutalität existiert, muss endlich in den Köpfen ankommen.
Die Aufnahmen aus der CO2 Schweinebetäubungsanlage, die ARIWA aus seinen Social Media Kanälen löschen musste, sind auf sämtlichen Kanälen durch die Presse gegangen, vielfach noch immer auf vielen anderen Kanälen in traumatisierender Länge nachzuschauen und das Schreien der Schweine zu hören – dies nur als Tipp für alle, die es nicht gesehen und gehört haben und sich ein Urteil bilden wollen darüber, was in Deutschland an Tierquälerei erlaubt ist. Diese „Betäubungsmethode“ gehört unbedingt sofort abgeschafft, genau wie alle anderen qualvollen „Nutzungen“ von Tieren!
Die Stärkung der Tierrechte ist politisch rahmengebend direkt durch Subventionen staatlich steuerbar und wie oben beschrieben in erheblichem Maß auf Änderungen in der Gesetzgebung bis hin zum Verfassungsrang angewiesen.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen hin zu einer tier-, klima- und zukunftsfreundlichen Wirtschaftspolitik zu ändern obliegt in Europa vor allem EU-Abgeordneten, die Richtlinien u. a. für Agrar-Förderungen unterschiedlichster Art festlegen. Und natürlich sind Landesregierungen maßgeblich, die ihre Agrar- und Gesundheitspolitik entweder durch Fleisch-, Milch- und Pharma-Lobbyist*innen gestalten lassen oder stattdessen beispielsweise durch entsprechende Steuersenkungen klima- und tierfreundlichere Wirtschaftsunternehmen fördern.
Du kannst also viel für die sog. „Nutztiere“ und damit Menschen bzw. die Zukunft tun, indem du für all das ein Bewusstsein bildest und bei jeder Wahl eine Partei wählst, die neben menschlichen die Berücksichtigung tierlicher Interessen zum Ziel hat. Einen diesbezüglichen Parteiencheck findest du zur gegebenen Zeit auf den Seiten verschiedenster Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen. Auf tierpolitik.org kannst du zudem herausfinden, wer sich zu welchem Tierschutzthema bisher wie verhalten hat – ein Projekt der Animal Society, s. u. Empfehlungen.
Abschließend lege ich dir gerne ans Herz, dich selbst auch mit deiner ideellen Vorstellung von einer freundlichen Zukunft zu befassen und diese gewünschte Zielvorstellung im Kopf immer konkreter werden zu lassen. Mir hat diese Beschäftigung viel Halt gegeben. Positive Gedanken machen wirklich glücklich – gerade in Zeiten unfassbarer Herausforderungen.
Die eigene Wunschvorstellung auf Menschen-, Tier-, Umweltfreundlichkeit und natürlich grundsätzlich immer auf Menschlichkeit zu prüfen, ist dabei sehr förderlich. Denn diese Säulen sind – ganz unabhängig von jeder parteipolitischen Zugewandtheit – die Grundpfeiler einer gerechten, friedlichen und lebenswerten Zukunft für alle.
Hier eine Liste toller Projekte, bei denen oder für die du dich für die Tiere engagieren kannst:
Empfehlungen
Politische Tierschutz-Transparenz
Wer sich bisher wie zur Tierschutzpolitik verhalten hat, kannst du auf tierpolitik.org einsehen –
ein Projekt der Animal Society: „Die erste Tierpolitikdatenbank in Deutschland“ + Mitmachaktionen und Lernstoff
Artikel
von Anna Kathrin Hentsch über PETA paper:
nationalgeographic.de/umwelt/2025/05/veganes-deutschland-das-passiert-wenn-wir-keine-tierischen-produkte-mehr-essen
Buch:
„Politische Philosophie der Tierethik“ von Bernd Ladwig
B. Ladwig findet, dass es eine Frage der Gerechtigkeit ist, Tiere in Gemeinwohlorientierung mit aufzunehmen.
Ein sehr erfreuliches und lehrreiches Buch. Unbedingte Empfehlung!
www.literaturkritik.de/ladwig-politische-philosophie-der-tierrechte-tierpolitik-ist-menschensache – auch hieraus habe ich oben zitiert.
Nebenbei bemerkt habe ich die Szene im Film (wen wir zuerst retten würden) aus diesem Buch leicht abgewandelt genutzt.
Buch:
„Anders satt – Wie der Ausstieg aus der Tierindustrie gelingt“, Friederike Schmitz
Ein hervorragendes Buch darüber, wie eine sinnvolle Ernährungspolitik den Konsum von Fleisch, Milch und Eiern auf demokratische Weise schnell reduzieren kann und sich durch Umschichtung der Subventionen und Gesetzesänderungen auch eine gerechte Agrarwende gestalten lässt.
faba-konzepte.de
„Thinktank für die gerechte Transformation zu einem pflanzenbasierten Ernährungssystem in Deutschland und Europa“
Buch
„Rettet die Vielfalt – Manifest für eine biodiverse Gesellschaft“ von Karin Böhning-Gaese, Jens Kersten und Helmuth Tischler, in meinen Augen ein Plädoyer dafür, die Natur endlich respektvoll bzw. überhaupt wahrzunehmen, auch ihr Rechte zuzugestehen. Dass der Verlust der Artenvielfalt genauso schädlich für Menschen wie die Klimakrise ist, wird noch zu oft übersehen, obwohl die Verluste schon jetzt schwindelerregend sind. Sehr lesenswert!
Sorry für die Nichterwähnung zahlreicher anderer ebenso wichtiger Bücher, Personen und Videos. Das Thema ist einfach sehr groß.
Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit!