Methoden der Zukunft

Wer vegan lebt, kann natürlich schon heute durch den sehr leicht gewordenen Verzicht auf Gewalt ein deutliches politisches Zeichen setzen.  Auch wenn diese nicht wirklich benötigt werden – pflanzliche Imitate tierlicher Produkte werden immer besser und können den Umstieg auf pflanzenbasierte Kost erleichtern.

Darüber hinaus wird es in Zukunft auch in der EU biotechnologisch hergestellte nahezu naturidentische tierliche Produkte geben.
Wahrscheinlich wird es sich dabei um Kombinationen aus den u. g. und evtl. weiteren Herstellungsverfahren handeln. 

Derartige Verfahren haben schon heute Freunde und Feinde. Von Herstellern versprochen werden umwelt-, ressourcen- und tierbefreiende Produktionsverfahren

Sollte das klappen, wäre es sicher absurd, für Käse, Fleisch und Co. weiterhin Tiere zu quälen. 

 

Absurd ist das allerdings schon heute – zumindest in Industrienationen. Ernährungstechnisch braucht diese fast naturidentischen tierlichen Produkte wohl niemand, doch der Gedanke, Fleisch ohne Tierausbeutung essen zu können ist ein guter, wenn er Menschen von tierquälenden Praktiken abhält. 

Diese Produkte könnten für anders nicht umzustimmende fleischessende Personen den Umstieg auf umwelt- und tierschonende Produkte erleichtern und inhaltsstofflich angepasst als Nahrung für karnivore Haustiere dienen.

Ob es sich beim Clean Meat aber zwangsläufig um tierleidfreie Produktionen handelt und weitere Fragestellungen in Bezug auf das in-vitro hergestellte Fleisch, behandele ich in zwei Filmen:  

>> Pro Clean Meat
>> Contra Clean Meat 

Präzisionsfermentation

Präzisionsfermentation

Mikrobiell hergestellte
Milch- u. Fleischkomponenten, Leder, Insulin …

„Diese bewährte Produktionsmethode wird schon lange für die Erzeugung von naturidentischem Insulin und Lab-Enzym zur Käseherstellung genutzt“. In Deutschland arbeitet u. a. das Startup Formo an tierfrei hergestelltem Käse, „der an Geschmack und Aussehen nicht mehr vom Original zu unterscheiden sein wird. …“, ist im Artikel „Tierischer Käse ohne Kuh“ am 13.09.2021 auf handelsblatt.com zu lesen.

Hühner leben lassen

Bei der Präzisionsfermentation „werden Mikroorganismen so programmiert, dass sie fast jedes komplexe organische Molekül produzieren können …“ (z. B. Casein). Im Endprodukt sind die veränderten Mikroorganismen nicht mehr enthalten. 

Der kalifornische Think Tank RethinkX prognostiziert in seinem Bericht  ‚Rethinking Food and Agriculture 2020 – 2030‘ einen radikalen Wandel in der Lebensmittelwirtschaft, vor allem in der Milch- und Rindfleischindustrie, die bis 2030 zusammenbrechen wird“, heißt es im  Artikel „Fleisch und Milch als Auslaufmodell“ der Albert Schweizer Stiftung vom 27.11.2019. Leider sieht es heute noch  nicht danach aus, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Bisher ist ein solches Produkt meines Wissens nach noch nicht auf den Markt gekommen. Wohl dauert es noch eine Weile bis die Produkte marktreif sind. Auch hier wird vermutlich noch an der Skalierung gearbeitet und werden Sicherheitsprüfungen der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA die Markteinführung wahrscheinlich noch einige Jahre hinauszögern, vermute ich.

Einige Personen haben Vorbehalte dieser Methodik gegenüber, weil Gentechnik zum Einsatz kommt. 

Ich persönlich teile diese Bedenken nicht.  Die veränderten Mikroorganismen sind im Endprodukt nicht mehr enthalten, können theoretisch also gar nicht konsumiert werden. Es scheint mir unproblematisch, wenn doch Insulin schon seit 1978 auf gleiche Weise hergestellt wird. Warten wir’s also ab. In Zukunft wissen wir mehr.

Die Idee, z. B. Käse oder Milch annähernd naturidentisch herzustellen –  also zum Verwechseln ähnlich – ohne ein einziges Tier dafür auszubeuten, ist einfach genial. Sollte sich herausstellen, dass diese Herstellung tatsächlich in jedem einzelnen Schritt der Produktion tierleidfrei ist, gibt es wohl keinen Grund mehr für die Herstellung solcher Produkte Tiere auszubeuten.

 

 

Zelluläre Landwirtschaft

Zelluläre Landwirtschaft

In-vitro: Clean Meat / Fisch
Kultiviertes Fleisch und Fisch

Der Witz ist: das Tier lebt weiter während wir (sein) Fleisch essen – so die Theorie.

Dabei werden Stammzellen, die einem Tier unter lokaler Betäubung durch eine pfefferkorngroße Biopsie entnommen werden, in einem Nährmedium zum Wachsen gebracht. Das sagte Marc Post, einer der ersten Entwickler von In-vitro Fleisch, schon vor vielen Jahren.

Aber Obacht! Die Zusammensetzung des Zell-Nährmediums ist bezüglich des Tierleids entscheidend. Nicht alle an In-vitro Fleisch arbeitenden Firmen haben schon einen Ersatz für das sehr brutal gewonnene Fetale Kälberserum (FKS) gefunden, das die Stammzellen als Wachstumsmedium benötigen. 

Die Fa. Mosa Meat behauptete 2019 als erste, dieses Fetale Kälberserum erfolgreich durch ein Wachstumsmedium ohne Tierbestandteile ersetzt zu haben. 

Firmen seien an einer Alternative zum FKS interessiert, denn dieses Kälberserum sei sehr teuer und berge die Gefahr von Infektionen. Auch seien nach der Biopsie weitere Gewebeentnahmen nicht mehr nötig, sobald sich die Zellen endlos in-vitro vermehren ließen. Dies zu erreichen sei auch das Ziel entwickelnder Firmen, sagte Marc Post damals. 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint das endlose Vervielfältigen der Zellen zumindest bei Fettzellen derweil gelungen zu sein. Wie  ausgereift die daraus resultierenden Produkt inzwischen sind, ist allerdings schwer zu erahnen.

Natürlich handelt es sich auch nicht um eine tierleidfreie Produktion, wenn die Stammzellen aus einem gerade getöteten Tier stammen, die Biopsie also im Schlachthaus stattfindet! 

In Deutschland befassen sich Startups auch mit Clean Fish –  Vorteil: Fischzellen wachsen auch bei Zimmertemperatur und benötigen dadurch weniger Energie.

Gearbeitet wird wohl auch hier noch an der Skalierung der Produktion und dem z. T. noch zu hohen Energieverbrauch bei der komplexen Herstellung.

Schweine leben lassen

Bisher ist In-vitro Fleisch nur in wenigen Staaten zugelassen. Aber auch in der EU  befinden sich mittlerweile Unternehmen im Antragsprozess für die EU-Zulassung bei der EU Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Diese Genehmigungsverfahren werden voraussichtlich noch einige Jahre in Anspruch nehmen. 

Es bleibt zu erfahren, ob es sich am Ende wirklich um tierleidfrei hergestellte Lebensmittel handelt.

In-vitro Tierfutter gibt es schon in England zu kaufen, in Österreich und Tschechien wird daran gearbeitet. 

Weitere Diskurse zum Clean Meat
findest  du hier:

– www.the-clean-meat-hoax-com
– Buch: „Anders satt“
   von Friederike Schmitz

 

Pflanzenbasiert

Imitate aus Erbsen, Soja, Seitan, Hafer …,
+ vollwertig pflanzliche Ernährung

Vorteil: Tiere werden nicht benötigt und müssen also auch nicht leiden, denn vegan bedeutet, auf alle tierlichen Produkte zu verzichten. Rein pflanzliche Ernährung ist eine der nachhaltigsten und zudem zukunftsorientiert.

Proteine stammen dabei vor allem aus Hülsenfrüchten, Getreide, Samen und Pilzen. 

Ziegen leben lassen

Natürlich gibt es auch vegane Imitate von tierlichen Produkten, die sich in geschmacklicher und inhaltsstofflicher  Qualität stetig steigern.

Fleischähnliche Textur zeigen vor allem Pilzproteine. Sie zeichnen sich zudem durch ihren hohen Nährstoffgehalt aus. Auch Schnitzelalternativen aus Soja, Erbsen und Seitan können den Übergang zu rein pflanzlicher Ernährung erleichtern. Doch nur wenige vegan lebende Personen brauchen andauernd Fleisch- oder Käseersatz. 

Wer es dennoch möchte, findet schon heute geschmackstechnisch ganz sicher überzeugende vegane Ersatz-Produkte, die dem Original sehr ähnlich sind. Es gibt neben einigen semiguten Erscheinungen auf dem Markt immer wieder sehr erfreulichen pflanzenbasierten Fleisch-, Wurst-, Quark-, Ei- und Milchersatz. Dabei werden immer mehr Produkte mit Nährstoffen versetzt, die mit dem Original assoziiert werden, z. B. pflanzlicher Milchersatz mit Kalziumzusatz.

Auch spannend: Ein Landwirt aus Butjadingen arbeitet zusammen mit dem Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik seit einigen Jahren an der Gewinnung von Proteinen aus Gras. 

Das Proteinpulver als Endprodukt kann für viele vegane Erzeugnisse genutzt werden. Dafür bedarf es allerdings einer Novel Food Genehmigung (EU Verordnung für neuartige Lebensmittel).

Vorteil dieser Proteinproduktion: Mit der Proteingewinnung aus Gras könnten die Grasflächen auch bei sinkenden Wiederkäuerzahlen sinnvoll nutzbar bleiben und die übrigbleibende Masse kann vielseitig weiterverwertet werden.

Dies und mehr dazu findest du bspw. im Artikel „Grünes Protein aus Gras und Leguminosen“ auf www.magazin-innovation.de.

Ein finnisches Unternehmen entwickelt derzeit ein Proteinpulver namens Solein produziert durch Bakterien, die sich von CO2, N2 und H2 ernähren. Man könnte also sagen, dass sich diese Proteine aus Luft und Elektrizität (Solarenergie) herstellen lassen. Solein könnte angeblich in besonders nachhaltiger Weise effizient zur Welternährung beitragen. Möglicherweise kommt es demnächst auch in der EU auf den Markt.

 

Gesundheits- und Sicherheitsbedenken?

In Europa muss sogenanntes Novel Food, also Lebensmittel, die es so vor 1996 noch nicht gab, viele Unbedenklichkeitstests und Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen, bevor es in die europäischen Verkaufsregale wandern darf. Es handelt sich dabei um jahrelange Sicherheitsprüfungen und Genehmigungs-prozesse der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA). Wer Sicherheitsbedenken hat, sollte sich zumindest vor Augen halten, dass es sich um die offenbar strengsten Lebensmittel-Sicherheitsprüfungen handelt, die es gibt. 

Nachteil: Leider können sich diese jahrelangen Genehmigungsverfahren nur die ganz großen Player leisten. 

 

Entwickler benötigen außerdem finanzkräftige Investoren, um Zeiten evtl. nur langsam wachsender gesellschaftlicher Akzeptanz überbrücken zu können. Es sind also voraussichtlich ausschließlich Konzerne, die von den Produkten profitieren werden. Ziemlich sicher, dass Tierschutz nicht deren Motivation ist. 

Bleibt nur zu hoffen bzw. zu erkämpfen, dass die durch Transparenz überprüfbare Abschaffung jeglicher Tierausbeutung in diesem vielversprechenden Bereich maßgebliches Ziel und Alleinstellungsmerkmal dieser innovativen Produktionsformen und -firmen ist. Was ich damit sagen will, erfährst du demnächst in meinem Clean meat pro Film.

Hinweis: Die hier angegebenen Fakten können sich sehr schnell ändern bzw. neue erstaunliche Projekte hinzukommen, da die Entwicklung offensichtlich sehr schnell voranschreitet. Ich kann deshalb leider nicht für die Aktualität der Aussagen garantieren. 

Quellen
wenn nicht anders gekennzeichnet: ++verbraucherzentrale.de (Clean Meat)++Vortrag 2017 Marc Post im Heimathafen++biooekonomie.de (Clean Meat Antragsprozess)++eatformo.com++Meinungen: Valeska